Projektgruppe Hochschulforschung Berlin-Karlshorst

Die Projektgruppe Hochschulforschung steht in zweierlei Weise für die ostdeutsche Systemtransformation: Gründung, Arbeitsweise und Ergebnisse der Projektgruppe Hochschulforschung stehen beispielhaft für die Dynamik der gesellschaftlichen Prozesse, die sich in der ersten Hälfte der neunziger Jahre in den neuen Bundesländern vollzogen. Gleichzeitig waren diese Prozesse, soweit sie den Hochschulbereich betrafen, auch Gegenstand der Forschungsarbeit der Projektgruppe.

Mit dem 1990 erfolgten Beitritt der DDR zum Hoheitsbereich der Bundesrepublik Deutschland und damit zu einem föderal organisierten Bildungssystem war die ersatzlose Auflösung des vormaligen Zentralinstituts für Hochschulbildung der DDR mit Sitz in Berlin verbunden. Das bedeutete Entlassung der Mitarbeiter.innen, Auflösung der Bibliotheks- und Dokumentationsbestände und damit die Gefahr des ‚Vergessens’ von Wissen und Erfahrungen.

Das wollten zumindest 19 Wissenschaftler aus der alten Bundesrepublik nicht einfach so hinnehmen – widersprach es doch ihrem wissenschaftlichen Ethos, wenn das ostdeutsche Hochschulsystem umgestaltet werden sollte ohne solide Kompetenz darüber, was das vorhandene Hochschulsystem in diesen Prozess mit einzubringen hatte. In einem offenen Brief (s.a. Frankfurter Rundschau vom 05.12.1990, S. 35) wandten sich diese Wissenschaftler an den damaligen Bundesminister für Bildung und Wissenschaft gegen diese ersatzlose Auflösung – und fanden Gehör.

Beispiellos schnell, wie auch der gesamte Prozess der Schaffung der deutschen Einheit, wurde innerhalb weniger Tage die personelle, materielle und inhaltliche Grundlage für eine in Berlin zu schaffende Forschungsgruppe gelegt – eine Forschungsgruppe, die auf der Basis von wissenschaftlich fundierten Innenansichten über die Hochschulen der DDR den Prozess der Hochschulerneuerung kompetent begleiten, beraten und dokumentieren sollte.

Leiter dieser vom BMBF geförderten „Projektgruppe Hochschulforschung Berlin-Karlshorst“, die zum 1. Februar 1991 ihre Arbeit in ehemaligen Räumen des Zentralinstituts für Hochschulbildung begann, wurde Carl-Hellmut Wagemann, Professor für Hochschuldidaktik an der TU Berlin – einer jener Initiatoren und Unterzeichner des offenen Briefes. 18 Personen zählte die Projektgruppe, sie hatten nach einem nur für ehemalige Mitarbeiter.innen des Zentralinstituts offenen Ausschreibungsverfahren zunächst auf elf Monate befristete private Dienstverträge erhalten, die dann bis 1996 jeweils um ein Jahr verlängert wurden. Darunter befanden sich elf wissenschaftliche Mitarbeiter.innen und vier Bibliothekarinnen bzw. Dokumentar.innen. Darüber hinaus gelang es schnell, Personal und Sachmittel über die Einwerbung von Drittmitteln und ABM zu erweitern.

Die Projektgruppe übernahm die deutschlandweit größte Spezialbibliothek zur Hochschulbildung des ehemaligen Zentralinstituts mit damals rd. 35.000 Monografien und 600 Periodika einschließlich eines automatisierten Dokumentations- und Recherchesystems mit einem Speicher von 60.000 Nachweisen. Diese Fachbibliothek konnte, auch mithilfe von Drittmitteln, erhalten, gepflegt und erweitert werden. Besonders zu erwähnen ist dabei ein für insgesamt 4 Jahre gefördertes DFG-Projekt zur Aktualisierung der Literaturdatenbank Hochschulbildung. Dieses Projekt legte den Grundstock für das seit dem Jahr 2000 am HoF Wittenberg mit Förderung der VolkswagenStiftung entwickelten Informations- und Dokumentationssystem Hochschule (ids).

Die Themen der wissenschaftlichen Arbeit der Projektgruppe waren zunächst konzentriert auf die Schwerpunkte:

  • Entwicklung der Hochschulstrukturen und des Hochschulpersonals,
  • Äquivalenz der Studiengänge in den alten und neuen Bundesländern,
  • Entwicklungen des Hochschulzugangs und der Nachfrage nach Hochschulbildung,
  • Studienberatungs- und Betreuungskonzepte,
  • Übergang von Hochschulabsolvent(inn)en auf den Arbeitsmarkt,
  • Auswärtige Wissenschaftsbeziehungen.

In den Jahren bis Mitte 1996 – solange existierte die Projektgruppe – wurden die Untersuchungen zu diesen Schwerpunkten ergänzt um weitere zu aktuellen Entwicklungen, z.B. zum Studierverhalten in der Gegenüberstellung zwischen alten und neuen Bundesländern. Am Ende der Förderperiode konnte – neben Tagungen, Konferenzen und anderen Publikationen – ein umfangreiches Sammelwerk nebst Datenalmanach vorgelegt werden. Dieses dokumentiert den Prozess der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern umfassend.

Die erfolgreiche Arbeit der Projektgruppe und die Fortführung seiner Arbeiten in dem zum 1.12.1996 gegründeten Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist auch der außerordentlich engagierten und hilfreichen Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats zu verdanken. Ihm gehörten an: Prof. Dr. Dietrich Goldschmidt, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin; Dr. Stefan Lullies, Bayerisches Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung München; Prof. Dr. Ulrich Teichler, Universität GH Kassel; Dr. Heinz Griesbach, Hochschulinformationssystem Hannover, Dr. Wolfgang Mönikes, BMBF Bonn, sowie ein Vertreter der Senatswissenschaftsverwaltung Berlin.

Der Leiter der Projektgruppe, Prof. Dr. Carl-Hellmut Wagemann, wurde 1998 für seine Verdienste um die Gründung, die erfolgreiche Arbeit und schließlich auch um die Fortführung der begonnenen Arbeiten im neu gegründeten Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.

Arbeitsschwerpunkte 1991-1996

  • Sicherung und Auswertung der Personaldaten an den Hochschulen der ostdeutschen Bundesländer und in Ostberlin; Konkordanz der Hochschulstatistik Ost und West
  • Bestandsaufnahme der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der DDR
  • Umfang und Struktur der DDR-Fachschulbildung – Anerkennung der Abschlüsse und Bedarf an Brückenqualifizierung
  • Äquivalenz von Studiengängen in den neuen und alten Bundesländern
  • Berufungsgeschehen und Nachwuchsförderung unter besonderer Berücksichtigung gleichstellungspolitischer Aspekte
  • Bilanz der personellen Erneuerung an ostdeutschen Hochschulen
  • Prognosen des Bedarfs an Hochschulpersonal in den ostdeutschen Ländern
  • Entwicklung der Hochschulstrukturen und des Hochschulpersonals
  • Hochschulentwicklung im regionalen Kontext / Landeshochschulplanung (Länderstudien)
  • Entwicklungen des Hochschulzugangs und der Nachfrage nach Hochschulbildung
  • Ausbildungsprofile von Universitäten und Fachhochschulen und studentisches Nachfrageverhalten
  • Studienberatungs- und Studentenbetreuungskonzepte
  • Der Einfluß der Studienorganisation auf den Studienfortschritt
  • Übergangsprozesse von Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt, insbesondere von Frauen
  • Auswärtige Wissenschaftspolitik mit dem Schwerpunkt Osteuropa

Ausgewählte Forschungslinien der Projektgruppe Hochschulforschung hat das 1996 gegründete Institut für Hochschulforschung (HoF) fortgesetzt.

Kontinuitätslinien von der Projektgruppe Hochschulforschung zum HoF Halle-Wittenberg

Das 1996 gegründete Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF) setzte sich zum Zeitpunkt der Gründung zu zwei Dritteln aus früheren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Projektgruppe zusammen. Zudem konnte es die Fachbibliothek der Projektgruppe Hochschulforschung übernehmen.

Bei der Definition seiner Forschungsprogrammatik sah sich HoF aber auch inhaltlich in der Pflicht, ausgewählte Forschungslinien der Projektgruppe Hochschulforschung fortzuführen. Dies betraf und betrifft vier Themen:

  • Ostdeutschlandspezifische Hochschulforschung
  • Hochschulentwicklung in Mittel- und Osteuropa
  • Studierendenforschung
  • Frauen in der Wissenschaft