Zwischen Halle-Novgorod und Halle-New Town. Der Ideenhaushalt Halle-Neustadts

Rekonstruktion des Ideenhaushalts Halle-Neustadts und seiner Bewirtschaftung. Halle-Neustadt, errichtet von 1964 bis 1986, kann als prototypische Plattenbaustadt in Ostdeutschland gelten: Wie ein Großteil der vergleichbaren Planstädte und -siedlungen, so hat auch Halle-Neustadt reichlich zwei Jahrzehnte seiner bisherigen Existenz in der DDR und unterdessen weitere über zwei Jahrzehnte im vereinigten Deutschland zugebracht. Beides hatte Folgen, die der dramatische Einschnitt der Jahre 1990ff. unübersehbar machte: Halle-Neustadt verwandelte sich in rasend kurzer Zeit vom Prototyp der geplant expandierenden sozialistischen Stadt in der DDR zum Prototyp der ungeplant schrumpfenden Stadt in Ostdeutschland. Beides war verbunden mit grundsätzlich verschiedenen symbolischen Stadtkonstruktionen. Das implizite DDR-Leitbild war die Eindeutige Stadt, eine architektonisch wie kulturell gebändigte Stadt. Diese Stadtkonstruktion zielte darauf, Deutungsoffenheiten, konkurrierende Deutungen, Normenkonflikte, alternative Optionen, Paradoxien oder Zielkonflikte systematisch auszuschließen. Im Rahmen der IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt (2002-2010) wurde versucht, neue leitbildfähige Ideen für die (seit 1990) Teilstadt zu erzeugen. Dies litt nicht unter einem Mangel an Ideen, blieb aber dennoch stecken: in der temporären Wahrnehmung und Inszenierung der Stadt als Ereignis. Das narrative Feld wurde neu formatiert, aber es gelang nicht, dieses auch neu zu beschreiben. Wichtiger wirkte: Im Augenblick der Irrelevanz des ursprünglichen Ideenhaushalts war für Halle-Neustadt das westliche Modell zum Zuge gekommen. Der ursprünglich im eigentlichen Sinne tatsächlich sozial gedachte Wohnungsbau wurde zum sozialen Brennpunkt, gemildert nur durch die zivilisierend wirkenden Alltagsroutinen der alternden Alteinwohner.

Zitation

Peer Pasternack (2012): Zwischen Halle-Novgorod und Halle-New Town. Der Ideenhaushalt Halle-Neustadts. (Der Hallesche Graureiher 2/12), Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale), 112 S.