Flexible Studierende? Studienreform und studentische Praxis

Die Studienreformen im Zuge des Bologna-Prozesses bedeuten eine fundamentale Umstrukturierung des deutschen Studiensystems. Gestufte Studienstrukturen, Modularisierung, Qualifikationsrahmen, Kreditpunktesysteme und studienbegleitende Prüfungen sollen Probleme wie lange Studiendauer und hohe Studienabbruchquote beheben und die Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden fördern. Grundlegende Annahme der Studienreformen ist dabei, dass auch die Studierenden durch ihr Verhalten entscheidend zu den attestierten Mängeln des “alten” Studiensystems beitrügen. Die Studie nimmt die umgekehrte Perspektive ein und fragt, wie Studierende trotz der – gewiss vorhandenen – Probleme des Studiums erfolgreich studieren und welche Konsequenzen die Studienreformen für die studentische Praxis haben. Anhand einer Diskursbetrachtung werden die Problemwahrnehmungen und normativen Anforderungen herausgearbeitet, die den Studienreformen zugrunde liegen. Welche Probleme versprechen prominente Reformkonzepte wie Schlüsselqualifikationen und Employability zu lösen, und welche normativen Anforderungen stellen sie an das Verhalten von Studierenden? Die diskursiv vermittelten Wahrnehmungen und Anforderungen werden direkt mit den individuellen Erfahrungen von Studierenden im Studium wie im Alltag in Beziehung gesetzt. Es geht um die Bedeutungen von Praktika, die Rolle von Netzwerken, Funktionen des Prüfungswesens, Karriere- und Lebensplanung, soziales Engagement, “hidden curricula” sowohl des Studiums als auch der studentischen Gemeinschaft sowie studentisches Zeitmanagement. Gezeigt wird, wie flexibel Studierende sowohl im “alten” als auch im “neuen” Studiensystem handeln. Die starke Strukturierung der “Bologna-Welt” ermuntert zur Entwicklung von Strategien effizienten Studierens auf Kosten jener Handlungsräume, die unter traditionellen Bedingungen die akademische Freiheit der Studierenden konstituierten und individuelle Lernwege ermöglichten.

Zitation

Roland Bloch (2009): Flexible Studierende? Studienreform und studentische Praxis, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig, 336 S.