50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation

Halle-Neustadt wurde von 1964 bis 1989 erbaut. 2014 jährt sich die Grundsteinlegung zum fünfzigsten Mal. 25 der bisherigen Jahre lagen in der DDR, weitere 25 im vereinigten
Deutschland. Beides hatte Folgen. Der dramatische Einschnitt nach 1990 machte sie unübersehbar: Halle-Neustadt verwandelte sich in rasend kurzer Zeit vom Prototyp der geplant expandierenden sozialistischen Stadt in der DDR zum Prototyp der ungeplant schrumpfenden Stadt in Ostdeutschland.

Unumstritten war Halle-Neustadt von Beginn an nicht. Der industrielle Plattenbau brach gründlich mit der Vorstellung von der gewachsenen Stadt. Neuankömmlinge in der Stadt, die lange Zeit zudem eine Großbaustelle war, waren hin und her gerissen zwischen dem seinerzeit ungewöhnlichen Wohnkomfort und der etwas spröden Anmutung der Betonblöcke. Auswärtige konnten sich meist nie recht vorstellen, dass man sich inmitten dieser Architektur heimisch fühlen könne.

Die Architekten fochten Dauerkämpfe aus, um die Typenbauten durch sogenannte Sonderlösungen attraktiver zu machen. Die Bauleiter schlugen sich mit unzulänglichen Zulieferungen herum und suchten fortwährend, die Baustellenorganisation in den Griff zu bekommen. Künstler beschwerten sich, immer erst dann, wenn alles schon beschlossen sei, zur  Aufhübschung herangezogen zu werden.

Das Stadtzentrum sollte der gestalterische Höhepunkt werden, blieb aber in seinem zentralen Teil bis weit in die 90er Jahre eine Brache. Da der geplante Kulturpalast nie gebaut wurde, hatte die Hochkultur dauerhaft keine Heimstatt in Halle-Neustadt. Die Magistrale erwies sich in der umgesetzten Form als Fehlplanung.

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Zitation

Peer Pasternack u.a. (2014): 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, 608 + XXXII S. ISBN 978-3-95462-287-0.