„Männliche“ Forschung – „weibliche“ Lehre? – Konsequenzen der Föderalismusreform für Personalstruktur und Besoldung am Arbeitsplatz Universität

Das Forschungsprojekt LehrWert wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union im Rahmen des Förderbereichs „Strategien zur Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Forschung“ in dem Programm „Frauen an die Spitze“.

BMBF ESF EU

 

Projektlaufzeit

01.06.2010 bis 31.05.2013

Aktuelles +++ 26. April 2013 – Abschlusstagung „Differenz, Hierarchie und Geschlecht – Neuordnungen im Verhältnis von Lehre und Forschung am Beispiel der Lehrprofessur“
+++ September 2012 – Start der berufsbiografischen Interviews mit Professorinnen und Professoren, die auf Stellen mit Schwerpunkt Lehre bzw. Forschung berufen sind
+++ August 2012 – Beginn der vertiefenden Interviews mit ausgewählten Hochschulleitungen
+++ März 2012 – Start der schriftlichen Erhebungen bei ausgewählten Universitätsleitungen
+++ Dezember 2011 – Abschluss der Auswertung der rechtlichen Regelungen zu Besoldung und Gleichstellung (Verlinken mit den Synopsen unter „Dokumentation“).

Projektziel

Das Ziel des Projektes ist es, Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der Einführung neuer Personalkategorien (Professuren mit Schwerpunkt Forschung- Forschungsprofessuren und Professuren mit Schwerpunkt Lehre – Lehrprofessuren) und universitären Geschlechterasymmetrien zu ermitteln. Forschungsleitende Grundannahme ist das vielfach belegte Reputationsgefälle (siehe Fragestellungen Punkt 2) zwischen Lehre und Forschung. Hierbei sollen auch die Einflüsse der reformierten Besoldung, insbesondere der flexiblen Leistungsbezüge Berücksichtigung finden.

Projektinhalte

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts „LehrWert“ steht die Statusgruppe der Professorinnen und Professoren, insbesondere die neu eingeführten so genannten Lehr- und Forschungsprofessuren bzw. Professuren mit Schwerpunktsetzungen in Lehre oder Forschung.

Wichtige Voraussetzung für die Etablierung derartiger Professuren ist die Föderalismusreform von 2006, aus der u.a. die seitdem gestärkte Eigenregie der Bundesländer in personalbezogenen Angelegenheiten resultiert. Sie zeigt erste Konsequenzen bei den hochschulrechtlichen Regelungen: die Möglichkeit die Zuständigkeit für Berufung und Besoldung von den Landesministerien auf die Hochschulen zu übertragen, qua Hochschulgesetz stärker der Lehre verpflichtete Personalkategorien einzurichten bzw. Lehrdeputate zu erhöhen.

Fragestellungen

Die höhere Eigenständigkeit der Bundesländer und Hochschulen in personal- und besoldungsbezogenen Angelegenheiten wirft Fragen zur Wertigkeit von universitärer Lehre im Verhältnis zur Forschung auf, denen in dem Projekt „LehrWert“ auf folgenden Linien nachgegangen wird:

1. Ausdifferenzierung von Lehr- und Forschungsprofessuren

  • In welchem Ausmaß werden universitäre Stellenstrukturen um Lehr- bzw. Forschungsprofessuren erweitert?
  • Inwieweit reproduzieren diese neuen Stellen das Reputationsgefälle zwischen Forschung und Lehre?
  • Inwieweit erfolgt die Besetzung dieser Stellen geschlechterasymmetrisch („Weibliche“ Lehre – „männliche“ Forschung?)?

2. Reputationsasymmetrie und systemisch verankerten Höhergewichtung von Forschungs- gegenüber Lehrleistungen im wissenschaftlichen Selbstverständnis und in der universitären Praxis

  • Wird den Lehrleistungen des wissenschaftlichen Personals künftig ebenso viel Reputation zugeschrieben wie den Forschungsleistungen, wodurch alternative Anerkennungs- und Karriereoptionen generiert werden?
  • Wird die Lehre (noch) stärker von wissenschaftlichen Mitarbeiter/inne/n mit hohen Lehrverpflichtungen zu erbringen sein, wodurch deren Chancen für die Qualifizierung für die Forschung (weiter) sinken?
  • Inwiefern betrifft der Wandel der personalstrukturellen Rahmenbedingungen Professoren und Professorinnen in unterschiedlicher Weise: „Weibliche“ Lehre, „Männliche“ Forschung?
  • Eröffnen die (neuen) lehrorientierten Personalkategorien neue Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten gerade für Frauen?

3. Anerkennung von Lehr- und Forschungsleistungen über leistungsabhängige Besoldungselemente

  • Inwieweit bestehen Differenzen in der Anerkennung von Forschungs- und Lehraktivitäten im Rahmen der flexiblen Besoldung? (Nivellierung oder Verstärkung von Reputationsasymmetrien?)
  • Welche Rolle spielt Geschlecht bei der Bewertung und Honorierung besonderer Leistungen in Forschung und Lehre?

4. Rolle und Wirkung von Gleichstellungspolitik

  • Welche Rolle und Bedeutung kommt außeruniversitären gleichstellungspolitischen Akteuren und Institutionen zu?
  • Über welche Möglichkeiten der Einflussnahme verfügt die universitäre Gleichstellungspolitik?
  • Wie müsste eine gleichstellungspolitisch Erfolg versprechende Steuerung (Gleichstellungs-Governance) aussehen, damit sie zu einem Abbau der universitären Geschlechter- und Reputationsasymmetrie tatsächlich beiträgt?

Vorgehensweise und Methoden

Auf Grund des Neuheitsgrades der zu untersuchenden hochschulpolitischen Phänomene und der z.T. erst zeitgleich zu den realen Entwicklungen möglichen Ableitung forschungsrelevanter Fragestellungen trägt das Projekt den Charakter wissenschaftlicher Begleitforschung mit intensiver Eruierungs- und Sondierungsfokussierung in der Startphase. Es kommt ein Methodenmix der quantitativen und qualitativen empirischen Sozialforschung (Triangulation) zum Einsatz, von der Erfassung der rechtlichen Rahmenbedingungen, des aktuellen Föderalismusdiskurses, ministerieller Rahmenvorgaben über Auswertung der Stellenanzeigen in Zeitschriften bis hin zu fachkulturellen Unterschieden und individuellen Berufsplanungen und -biografien sowie einen internationalen Vergleich.

Geplant sind folgende Untersuchungen

  • Bundesebene
  • Universitätsebene
  • Individuelle Ebene – Lehr- und Forschungsprofessoren und -professorinnen
    • Berufsbiographische Interviews mit Professorinnen und Professoren, die auf Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre oder Forschung berufen wurden

Zentrale Publikationen

Romy Hilbrich / Karin Hildebrandt / Robert Schuster (Hrsg.): Aufwertung von Lehre oder Abwertung der Professur? Die Lehrprofessur im Spannungsfeld von Lehre, Forschung und Geschlecht, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 330 S. ISBN 978-3-931982-85-0
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Anja Franz / Monique Lathan / Robert Schuster (2011): Skalenhandbuch für Untersuchungen der Lehrpraxis und der Lehrbedingungen an deutschen Hochschulen. Dokumentation des Erhebungsinstrumentes (HoF-Arbeitsbericht 4/2011), unter Mitarbeit von Alexander Mitterle und Alexander Kühn, Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg, 79 S., ISSN 1436-3550 mehr...

Anja Franz / Claudia Kieslich / Robert Schuster / Doreen Trümpler (2011): Entwicklung der universitären Personalstruktur im Kontext der Föderalismusreform (HoF-Arbeitsbericht 3/2011), unter Mitarbeit von Anke Burkhardt und Roland Bloch, Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg, 81 S., ISSN 1436-3550.  mehr...

Peer Pasternack (Hrsg.) (2010): Relativ prosperierend. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Die mitteldeutschen Region und ihre Hochschulen. Akademische Verlagsanstalt, Leipzig, 547 S. mehr...

Roland Bloch / Anke Burkhardt (2010): Arbeitsplatz Hochschule und Forschung für wissenschaftliches Personal und Nachwuchskräfte (Arbeitspapier 207), Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf, 113 S. mehr...

Reinhard Kreckel (Hrsg.) (2008): Zwischen Promotion und Professur. Das wissenschaftliche Personal in Deutschland im Vergleich mit Frankreich, Großbritannien, USA, Schweden, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig, 408 S. mehr...

Artikel und weitere Publikationen (Auswahl)

Roland Bloch / Anke Burkhardt / Anja Franz / Henning Schulze / Robert Schuster (2010): Entwicklung und Reform der Struktur des wissenschaftlichen Hochschulpersonals, in: Peer Pasternack(Hrsg.), Relativ prosperierend. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Die mitteldeutsche Region und ihre Hochschulen, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig, S. 155-214

Anke Burkhardt (2010): Den Traditionen verpflichtet, in: DUZ Magazin 07/2010, S. 20f.

Romy Hilbrich (2011): „Männliche Forschung – weibliche Lehre?“ – ein neues Projekt am Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in: Wissenschaftlerinnen-Rundbrief (FU) Nr. 2/2011, S. 25-26.

Romy Hilbrich (2011): Lehre, Forschung und Geschlecht im Spannungsfeld von Differenz und Hierarchie In: BdWi-Studienheft 8/2011, S. 39-41.

Karin Hildebrandt: Neues Projekt zur Geschlechterforschung am HoF: „Männliche“ Forschung – „weibliche“ Lehre? In: ZtG – Bulletin Info, Heft 43, S. 10-12.

Karin Zimmermann / Hildegard Matthies (2010): Gleichstellungspolitik, in: Stefan Hornbostel / Andreas Knie / Dagmar Simon (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftspolitik, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

Karin Zimmermann / Hildegard Matthies (2010): Arbeitsfeld Wissenschaft und Geschlechtersegregation, in: WSI-Mitteilungen 5/2010, S. 264-269.

Karin Zimmermann (2000): Spiele mit der Macht in der Wissenschaft. Passfähigkeit und Geschlecht als Kriterien für Berufungen, Edition Sigma, Berlin.

Dokumentationen

Dokumentation der aktuellen landesgesetzlichen Grundlagen zu den Kategorien des wissenschaftlichen Personals (Landeshochschulgesetze) und der Lehrverpflichtungsverordnungen in den einzelnen Bundesländern: http://www.hof.uni-halle.de/dokumentation/lehrverpflichtungen.htm

Hildebrandt, Karin: Dokumentation der aktuellen landesrechtlichen Grundlagen zu den Kategorien der leistungsorientierten Besoldung der Professuren und der aktuellen Besoldungsgesetzgebung in den einzelnen Bundesländern: http://www.hof.uni-halle.de/dokumentation/besoldung.htm

Hildebrandt, Karin: Dokumentation der aktuellen landesrechtlichen Grundlagen zu den Kategorien der gleichstellungspolitischen Rahmenbedingungen (Landesgleichstellungsgesetze) und der aktuellen Gesetzgebung für Hochschulen (Landeshochschulgesetzen) in den einzelnen Bundesländern: http://www.hof.uni-halle.de/dokumentation/gleichstellung.htm

Quality in Academia and Life – a joint strategy to improve Work-Life Balance by GEW, UCU and SULF: Link